Bielefeld

Ein Digital Native weiß eventuell mehr über die „Bielefeldverschwörung“ zu sagen als über das betroffene Oberzentrum der Region Ostwestfalen-Lippe. Der Satz von 'Bielefeld als Stadt, die es nicht gibt' kursiert seit 1994 als Teil der Internetfolklore im Netz. Dort eingeführt wurde die urbane Legende nach einer Party vom damaligen Studenten und heutigen Informatiker Achim Held. Doch selbst der gesteht die Existenz der Ortschaft mittlerweile ein. Weil die entsprechende Ausfahrt baustellenbedingt langfristig gesperrt war, war es seinerzeit freilich nicht einfach, Bielefeld via Autobahn zu erreichen. Das ist längst wieder möglich. Problemlos kann in die Stadt gelangt werden, deren Marketing GmbH Anfang 2016 die offizielle „Bielefeld-Befragung“ im Netz lancierte. Laut deren Geschäftsführer kann sich „die Bevölkerung auf diese Weise direkt an der Entwicklung eines neuen Vermarktungskonzeptes für die Stadt beteiligen”. Wobei: eigentlich ist das Image der Universitäts- und Industriestadt gar nicht schlecht.
Wolfgang Kienast

Sascha Grewe

Sascha Grewe hat ein Faible für Objekte, die zu ihm sprechen. Doch nicht die Kuckucksuhr, sondern die Typografie ist seine Leidenschaft, und deren Hang zur Zweidimensionalität musste er erst noch Einhalt gebieten. In Ruhe ...

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Kulturzentrum Nummer zu Platz

Das Wichtigste für alle Ex-Schulhof Tischtennisrundlauf-Kronensammler: Donnerstags ist im Nr. z. P. ab acht Ping Pong mit „Open Turntables“. Das heißt:„Plecken“ (Schläger) mitbringen oder leihen (oder wie früher Latein- oder Mathebücher nehmen), anstellen, den kleinen Ball aufschlagen und das Spiel beginnt. Das geht wie bei allen guten Spielen so lang, bis aus manchmal bis zu 50 Spielern nur noch einer übrig ist. Mitternacht ist aber finito - Casino Royale Bielefeld Style. Dazu im Nr. z. P. die üblichen Club-Getränke sowie hochwertig bis hochtrabende Gespräche in der Schlange um den Spieltisch oder abseits der Platte sowie Musik von DJs, die am lebenden Objekt ihre Sounds üben möchten - meist überzeugend. Der donnerstägliche Kampf rund um die Platte ist nur eine Säule desvitalen Clubs mit dem komischen Namen. Träger des Ganzen ist die die Initiative
Bielefelder Subkultur e.V. Sie ist 2010 als Reaktion auf die Schließung eines erfolgreichen Kulturzentrums und dem folgenden Zusammenschluss von Kulturschaffenden, Veranstaltern, DJ's, Bands und engagierter Bürger der Stadt entstanden. Progressive, urbane Kultur, sollte auch weiterhin selbstverständlicher Teil großstädtischen Lebens sein. Dazu gehören unter anderem Skaten, BMX, Graffiti, HipHop und all die etwas abseitigeren Musikrichtungen und künstlerische Ausdrucksformen in Literatur und Kunst. Die Initiative entfachte erstaunlich schnell eine Debatte in der Stadt und fand dann auch einen neuen Ort. Der Name der Location, „Nummer zu Platz“, spielt auf die Vorgeschichte des Ortes an. „Hier war mal die KFZ-Zulassungsstelle“, lacht Klemens Hüttche, Vorstandsmitglied des Vereins, „Da hieß es: Karte ziehen, Aufruf der Nummer abwarten und den
zugewiesenen Platz ansteuern. Die alte Anzeigetafel über der Theke erinnert daran.“ Subkultur ist in diesen Räumen der Mainstream. Und aus dem
Jugendclub ist eine non-profit Profi-Location für Kultursucher jeden Alters geworden. Hier werden die feinen Perlen abseits der ausgetretenen
musikalischen und kulturellen Pfade zum Glänzen gebracht, werden Kunstformen und Künstler unterstützt, die aus Sicht des Vereins in
der Clubszene, und das nicht nur in Bielefeld, unterrepräsentiert sind. Seit fast sieben Jahren entsteht so ein Monats-Programm mit Live-Musik von Indie, Rock und Rap bis Punk und Elektro. Mittelgroße Acts aus allerlei Ländern finden eigentlich immer ihr Publikum und dazu eine dichte Konzertatmosphäre. Es gibt Ausstellungen von Fotografie, Streetart oder Malereiundan den Wochenenden machen DJs die Nächte lang und die Tanzfläche voll - mal elektronisch, mal mit hartem Zeug oder Italo Disco Sound. An anderen Abenden lesen Dichter und Denker ihre Texte oder Comics, ja selbst Sachbücher, gern überFußball oder Musik. Und dazu gibt es: wieder Musik. Und dann ist da immer der Torpfosten zum Wochenende, das Donnertags Ping Pong. Nr. z. P. - einfach ein guter Ort für gute Leute, die sich in der Nische wohlfühlen.
Autor: Christian Caravante
Fotos: Jewgeni Roppel

Große-Kurfürsten-Straße 81
33615
http://www.nrzp.de/

art

Kunsthalle

Zwischen Hauptbahnhof und Sparrenburg trifft man in Bielefeld auf ein Gebäude, das den größtmöglichen Kontrast zur westfälischen Gemütlichkeit der Altstadt bildet. Es ist die Bielefelder Kunsthalle, in der seit 1968 mit großem Erfolg moderne Kunst in moderner Architektur gezeigt wird. Entworfen hat das Gebäude mit dem quadratischen Grundriss und der Sandsteinfassade der amerikanische Architekt Philip Johnson, es ist sein einziges europäisches Projekt. Ab März 2017 wird der 1906 geborene Johnson dem Publikum in der Ausstellung „Partner in Design: Alfred H. Barr Jr. und Philip Johnson“ vorgestellt. Hier kann man viel über die „Bauhauspioniere in Amerika“ und ihre Einflüsse auf Architektur und Design erfahren. Derart spezialisierte Konzepte sind besonders einladend und die große Chance, die man in Bielefeld nutzt, ja, nutzen muss. Denn als einziges großes Museum für zeitgenössische Kunst im Umkreis – dann erst wieder Hannover oder Münster – genießen die Macher konzeptuelle Freiheit und das Vertrauen, dass ihnen hier seit Beginn entgegengebracht wird. Die Künstler wissen die Chance, die ihnen hier geboten wird, selbst sehr zu schätzen. Im Herbst etwa war Anohni zu Gast, bekannter als Antony Hegarty, die Stimme, die Himmel und Erde versöhnt. Über so viel Unterstützung in diesem besonderen Raum ihr bildnerisches Tun zu veröffentlichen, äußert sie sich mit viel Dankbarkeit auf der Homepage der Kunsthalle. Bis März wird die Ausstellung „Creation in Form and Color“ mit Werken des deutsch-amerikanischen Malers Hans Hofmann gezeigt sowie eine Auswahl von Werken der 1984 verstorbenen Bielefelder Malerin Else Lohmann. Bei einem Besuch sollte man sich unbedingt die Zeit nehmen und den Ausstellungsraum unabhängig von der gezeigten Kunst auf sich wirken lassen, es Rodins Denker nachmachen, der im Skulpturengarten vor dem Museum hockt.
Autor: Judith-Pielsticker
Foto: Philipp Ottendörfer

Artur-Ladebeck-Straße 5
33602
http://www.kunsthalle-bielefeld.de/