Dortmund

Nachdem Kaiser Wilhelm II am 11. August 1899 ihren Hafen eingeweiht hatte, brüskierte der Regent die Dortmunder, da er in der Stadt nicht zu übernachten gedachte, sondern sie so schnell als möglich verließ. Die Monarchie freilich ist perdu und Dortmund hat noch immer den größten Kanalhafen Europas. Und den größten Weihnachtsbaum der Welt. Und den größten Adventskalender. Bösmeinende könnten auf Minderwertigkeitskomplexe schließen, zumal Kohle und Stahl futsch sind und es mit dem Bier nicht mehr so läuft wie einst. Was bleibt ist die Borussia (größte Stehplatztribüne der Welt). Mag ja sein, dass in der größten (schon wieder) Stadt des Ruhrgebiets manch einer nach Sternen greift. Ist das schlimm? Immerhin hat Dortmund tatsächlich was zu bieten. Das liegt auch daran, dass sie hier die Sache mit dem Strukturwandel besser im Griff haben als in manch anderer Ex-Schwerindustriestadt. Genannt seien nur das Dortmunder U oder der Technologiepark. Oder das Theater. Es genießt einen phantastischen Ruf.
Wolfgang Kienast

art

Domicil

Etwas bodenständiger geht es im domicil zu. Auf der Hansastraße, in einem ehemaligen UFA-Studio-Kino, ist heute die Spielstätte für Jazz, aktuelle Musik, Party und Poetry. Fast an jedem Abend der Woche findet hier Programm statt – nicht nur zum Zuhören, auch zum Mitmachen, wie montags beim „Jazzclub pur“ mit Jam-Session. Waldo Riedl ist Geschäftsführer und verantwortlich für das, was auf und um die Bühne passiert. Der passionierte Musiker warnt davor, „stehen zu bleiben“. Analog zum Jazz spricht er davon, die Genregrenzen auszutesten, Neues zu erfinden. Hier gibt es zeitgenössischen Jazz, Weltmusik bis hin zu den Randbereichen des Elektronischen auf die Ohren; aber auch Jazz-Poetry-Slam. Regelmäßig überträgt der WDR Konzerte aus dem domicil. Im Eingangsbereich prangt eine Cocktailbar und neben dem großen Saal im Obergeschoss gibt es noch einen Clubraum.
Nicht verpassen: Einmal im Monat stehen „The Dorf“ auf der Bühne. Das Hausensemble des domicil wird vom Saxofonisten und Komponisten Jan Klare geleitet. Gemeinsam mit rund 20 Musikern der Region spielt er utopische Beats, Impro – garniert mit einer Prise Krautrock.
Autor: Thomas Meurer

Hansastraße 7-11
44137
http://www.domicil-dortmund.de/

art

Dortmunder U

Welch kulturelles Potential in dem alten Brauturm steckt, wurde lange vor der Eröffnung 2010 als „Zentrum für Kunst und Kreativität“ klar: 1998 nämlich belebten „Reservate der Sehnsucht“ vier Etagen der damaligen Bauruine. In Trümmerschollen aus heruntergerissenen Zwischendecken und abgeschlagenen Kacheln entstand eine Gartenlandschaft mit Kunst und Installationen. Eine Idee war geboren: Heute ist das U wirklich ein Reservat für Kunst und Kreativität und Knotenpunkt für die Kulturszene der Stadt. In sechs Etagen des aufwendig sanierten Turms befinden sich heute zwei Museen, zwei Ausstellungsräume von Hochschulen, die kulturelle Jugendbildung der Stadt, ein Restaurant, ein Kino und ein Club. Vom Dach des U-Turm strahlen riesige Videoscreens die „Fliegenden Bilder“ von Regisseur Adolph Winkelmann weit in die Stadt hinaus. Das alles macht das U nicht nur zum Wahrzeichen Dortmunds sondern auch zur Europäischen Kulturmarke des Jahres 2016.

Sommer am U
Was hier - im Schatten des ehemaligen Brauturms Dortmunder U - den Sommer noch schöner macht, ist ein so simples wie bestechendes Konzept: Ein Container als Bühne und Europaletten als Bänke, dazu Palmen und eine Bar mitten in der Stadt. Das ist der öffentliche Raum, den unterschiedlichste Institutionen und Akteure aus der Kulturszene jeden Sommer selbstbestimmt füllen. Das Programm ist damit eben kein von oben nach unten geplanter Kulturevent. Es entsteht stattdessen mitten aus der Stadtkultur eine wilde Mischung aus Stilen, Perspektiven und Begegnungen, die eine Stadt erst zur Stadt machen. Ob Pop, Punk, Jazz, Rock, Dj -Konzerte, Lesungen aller Gattungen, Poetry Slams, Outdoor Ausstellungseröffnungen, Skateboarding und Debattenabende - wer im Sommer im Land bleibt, muss nicht allein zu Haus bleiben und sich langweilen.

Buchlabor der TU Dortmund
Ach ja, das Buch. Es sollte es in seiner papierenen Form ja längst tot sein, sagten die digitalen Propheten. Es lebt aber immer noch gut und gesund - auch in seiner analogen Form. Neben dem Rad, ist das Buch wohl die „unverändertste“ Erfindung der Welt. Weil es kaum etwas zu verbessern gibt. Oder doch? Der Frage geht das Buchlabor nach: Ob Produktionszusammenhänge, Gestaltung, narrative und dramaturgische Konzepte, ob Bildessay, Drehbuch, Dokumentation oder Kunstbuch. Die Möglichkeiten liegen analog wie digital jenseits von Text auf Papier oder Lesegerät. So simpel das Medium auch scheint, so vielfältig sind die Erweiterungen, Kreuzungen und Experimente. Bücher in Kooperationen mit dem Fachbereichs Design der TU Dortmund wurden schon mehrfach ausgezeichnet.

.Process
Start- Up ist jetzt ja fast jeder. Aber wohin führen uns all die technischen Entwicklungen, das Internet of Things, die vielen Apps und 3D-Druck-Visionen, die Social Impact Hubs und digitalen Ökonomien? Die Veranstaltungsreihe .Process will Gründern, kreativen Machern, Denkern und Entwicklern einen Ort geben, um über Design, Technik, Kunst und Gesellschaft nachzudenken. Bezogen auf das Ruhrgebiet sollen Vorträge und Workshops gewissermaßen Startrampen sein, um Leben und Alltag durch Technik und Design zu verbessern. Dazu wird hinter die Entstehungsprozesse geschaut. Innovative Prozesse werden transparent und erfahrbar, so dass auch andere daraus lernen können. Aus Debatte und Dialog soll aber auch Handeln werden: Es entstehen Projekte aus der Mitte der lokalen Kreativszene und .Process wird zur Plattform, die sich durch die Themen und Interessen der Teilnehmer selbst weiterentwickelt.
.process findet am 3. Juni 2017 im Dortmunder U statt.

dotprocess.org

Autor: Christian Caravante
Fotos: Hannes Woidich, Jürgen Landes, Roland Baege, Buchlabor

Leonie-Reygers-Terrasse
44137
http://www.dortmunder-u.de/

Heimatdesign

„Jetzt machen die hier so ein Weinfest - in Dortmund trinkt man Bier! “, hörte Reinhild Kuhn, Geschäftsführerin von Heimatdesign, einen Mann vor einigen Jahren die Lage damals, wie heute gut auf ...

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club

Oma Doris

Für Nachtschwärmer: Ein abwechslungsreiches Party- und Musikprogramm bietet das OMA DORIS . Es liegt nur wenige Schritte entfernt vom Platz von Leeds. Ursprünglich als gewöhnliches Café eröffnet, gestaltete Betreiberin Doris in den 1970er Jahren ihren Laden in ein Tanzcafé um. Heute leitet Doris‘ Enkel den Betrieb. Das Inventar von damals hat er ins Hier und Jetzt gebracht. Die stilvollen Polstermöbel, die Marmortische, die massive Theke, die verspiegelte Decke über der Tanzfläche und die Kronleuchter – sie alle machen die Historie erfahrbar, während aus den Boxen die Sounds von morgen pumpen. Unser Tipp: die hauseigene Reihe „OMA DORIS tanzt“ (kurz: ODT) mit jeder Menge House-Musik. Über das Clubprogramm hinaus sorgt OMA DORIS regel mäßig auch für Kultur. Dann finden hier Theateraufführungen, Lesungen und sogar Flohmärkte statt.
Autor: Thomas Meurer
Fotos: Tobias Koop

Reinoldistraße 2-4
44135
http://www.omadoris.de/

art,places

Raus aus den Hörgewohnheiten

Das Dortmunder Brückstraßenviertel ist ein Quartier mit vielen Kontrasten. Einst verruchtes Pflaster, heute der jung-dynamische Trendbezirk, in dem sich alles um Musik dreht.
Das Brückstraßenviertel ist das Innenstadtkarree zwische n der Kampstraße und dem Platz von Leeds im Süden, der Hansastraße im Westen, dem Königswall im Norden und der Kuckelke im Osten. In den 1980er und 1990er Jahren war es ein Ort voll Prostitution und Drogenkriminalität. Der schlechte Ruf von damals ist längst vergessen. Kurz vor der Jahrtausendwende: Mit Fördergeldern startete die Stadt Dortmund ein Projekt zur Aufwertung rund um die Brückstraße. Häuser wurden saniert und zwischen internationalen Imbissbuden und Billigketten sollte eine Kulturmeile entstehen. Mit einem Stahl-Glas-Komplex zog die Hochkultur in Form des Konzerthauses zwischen Döner und Disco, zwischen Ramsch und Rockcafé. Klingt ein bisschen nach Brechstange. War es auch, ist aber jetzt auf einem guten Weg.
Autor: Thomas Meurer

art

Konzerthaus Dortmund

Wenn am Veranstaltungsabend die Besucher ankommen, prallen Welten aufeinander: Im Gehen essende Stadtbummler auf der einen, schick herausgeputzte Musikfreunde auf der anderen Seite. Mit der Ansiedlung des Konzerthauses sollte auch eine gehobene Gastronomie im Umfeld hinzukommen. Das ist bisher nicht geschehen.
Warum sich ein Besuch im Konzerthaus lohnt? Allein wegen der hervorragenden Akustik. Es gibt eine Nachhallzeit von fast zwei Sekunden. Unterstützt wird die Konzentration auf das Hören durch das Raumkonzept: Die Wände im Konzertsaal sind cremeweiß, die Decke schwarz – mit einem Leuchtkonzept wie ein Sternenhimmel. Die Orgel hinter dem Orchester-Podium ist einem Wandbild nachempfunden, das sich optisch zurücknimmt. Der Saal verfügt über 1.500 Plätze. Pro Spielzeit finden rund 200 Veranstaltungen hier statt. Das Programm von Intendant Benedikt Stampa geht über die Grenzen der Hörgewohnheiten hinaus. Neben Orchesterkonzerten, Klavierabenden und Kammermusikabenden wird in seinem Haus auch Weltmusik bis hin zu Cabaret und Chansons geboten. Auch international genießt das Konzerthaus gute Reputation. Anna Netrebko, Lang Lang oder New York Philamonic gastierten bereits an der Brückstraße.
Autor: Thomas Meurer
Fotos: Daniel Sumesgutner

Brückstraße 21
44135
http://www. konzerthaus-dortmund .de/

shop

Wim Gelhard

Auf über 1.000 Quadratmetern bietet der Dortmunder Einrichtungsprofi seit mehreren Jahrzehnten Produkte und viele Accessoires zum Leben und Wohnen für seine Kundschaft an. Schon früh war Wim Gelhard klar, das Lebensräume sein berufliches Leben nachhaltig begleiten werden: „Ich habe schon im Kindergarten immer wieder nur Häuser gemalt“, sagt er und ergänzt: „Ich habe mich nach der mittleren Reife entschieden eine kaufmännische Ausbildung bei der Firma Interstil zu machen.“ Diese Lehre begann am 1. September 1969. Später, gegen Mitte der 1980er Jahre, ging er mit seinen eigenen Vorstellungen in die Selbstständigkeit. Seit fast einem halben Jahrhundert steht er für gehobenes Design und verkauft die Produktlinien von Nils Holger Moormann, Vitra oder Thonet. Er sieht sich dabei gern als Botschafter der geschmackvollen Gegenstände: „Viele unserer Kunden wollen ihre Probleme und Fragen vorher mit uns besprechen. Ich denke, dass der Beratungsbedarf hierzu immer größer wird. Denn je größer das Angebot wird, desto mehr verunsichert das die Kunden und desto größer ist der Bedarf nach Beratung. “ Wie ein Leben im Reich der schönen Objekte auszusehen hat, probiert der Einrichter zu skizzieren: „Zum Menschen gehören weitere Menschen – und es gehören Bilder, Musik und Bücher dazu. Dafür muss man Platz haben und das sollte die Wohnumgebung auch zulassen.“ Neue Formen der Lebensführung haben die Einrichtung gerade in den letzten Jahren sehr stark beeinflusst. Ob Zuhause oder beim Arbeiten – wichtig ist der Weg zum persönlichen Wohlbefinden und das steht für Wim Gelhard auch im Vordergrund: „Die Produktqualität, die Materialien und ein zeitloses Design sind hierbei entscheidend. Aber der Umgang mit gut gestalteten Möbeln macht mir immer noch sehr viel Spaß.“ Der Bauhaus-Fan hat sich mit mehreren Fachhändlern zusammen geschlossen und die Qualitätsroute Dortmund e.V. mit auf den Weg gebracht, die den inhabergeführten Einzelhandel in der Ruhr-Metropole stärken wollen. Die Vorzüge seiner Heimatstadt weiß er zudem gut in Szene zu setzen: „Wir haben hier ein sehr engagiertes Opernhaus, ein Theater, was einen sehr hohen Anspruch hat und außerdem haben wir eines der führenden Ballett-Ensembles.“ Natürlich – denn Dortmund hat viel Platz für die wundervollen Dinge des Lebens.
Autor: Peter Hesse
Foto: Nikita Teryoshin

Schliepstraße 12
44135
http://www.wim-gelhard.de/