Wuppertal

„It Always Rains in Wuppertal“. Als offizielle Stadthymne ist das düstre Instrumental wohl wenig tauglich. Unter dem Pseudonym Pyrolator veröffentlichte Kurt Dalke, Mitglied der wegweisenden Experimentalband „der Plan“, diese Nummer auf seinem 1979er Albumdebüt „Inland“. Natürlich hat die meteorologische Unterstellung rein gar nichts damit zu tun, dass ungefähr zehn Jahre später in der größten Stadt im Bergischen Land das „Wuppertal Institut“ für Klima, Umwelt und Energie gegründet wurde. Kombiniert man jedoch beide Sachverhalte, wird eines deutlich: Wuppertal hat ein eher bescheidenes Image, dieses aber wirklich nicht verdient. Innovative Forschung ist in der Universitätsstadt ebenso zu Hause wie kulturelle Einrichtungen von großer Bedeutung. Genannt seien das renommierte Von der Heydt-Museum sowie das Tanztheater Pina Bausch. Hier liegen die Wurzeln einer Revolution, welche den Tanz als Kunstform weltweit verändern sollte. Also bitte beherzigen: Wuppertal ist weit mehr als Schwebebahn.
Wolfgang Kienast

Limpalux / Anja Eder und Michael Römer

Lamellen aus Papier formen eine organisch anmutende Lichtquelle. Je nach Tageslicht und Luftbewegung verändern sich Form und Farbwirkung der Lampen von Limpalux. Dadurch wird aus einer Leuchte eine sanft schwingende Skulptur. Funktionalität trifft auf ...

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Christian Hampe

Utopiastadt – wenn das nicht nach etwas klingt. Zumindest klingt es nicht nach Wuppertal und noch weniger nach Mirke, dem Stadtteil, in dessen Bahnhofsge-bäude die Utopiastadt verankert ist. Christian Hampe ist einer der Initiatoren des ...

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studios

Ruffceramic

Christine Ruffs Atelier befindet sich im vierten Stock eines Hauses in der Wuppertaler Innenstadt. Die Aussicht auf die umliegenden Dächer ist sicherlich nicht schlecht, was den Blick allerdings fesselt, sind die meterhohen Regale an den Wänden. Oder vielmehr deren Inhalt. Hier hat die Künstlerin ihre Keramiken sorgsam platziert, daneben die gedrechselten Gipsmodelle, aus denen die Gießformen für ihre Objekte entstehen.
Das Spiel mit der Form ist es, was Christine Ruff antreibt und sie an ihrer Arbeit fasziniert. Je größer diese sei, desto schwieriger sei sie zu handhaben, verrät die Designerin. Wer sich im Atelier umsieht und die riesigen Gefäße betrachtet, kann sich ungefähr ausmalen, wie anspruchsvoll die Herstellung wohl war. Etwa ein halbes Jahr feilte Christine Ruff an der ersten Gießform, als sie sich 2004 selbstständig machte. Denn darum geht es: Nichts anderes als die reine Form. Einfachheit und Eleganz zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Kollektion. Bewusst unterläuft sie dabei den vielzitierten Designgrundsatz „Form follows function“und bewegt sich so zwischen Kunst und Design, Raumobjekt und Gebrauchsgegenstand. Meist entsteht aus einer Skulptur eine Serie mit mehreren Objekten, deren Formen sich voneinander ableiten. So kann sich die nächste Variation einer Schalenvase beispielsweise um das Maß des Randes vergrößern oder verkleinern. Durch diese festgelegten Parameter entsteht dann die Vielfalt einer. Ein Element, beispielsweise ein Standfuß, bleibt dabei immer gleich. Das klingt sehr systematisch und planvoll: Aber auch aus Missgeschicken und Zufällen zieht die Keramikerin schöpferische Energie. Beim Herausnehmen einer eigentlich als rotationsgleich gedachten Schale aus dem Negativ verformte sich diese. Ein Effekt, der sich beim Brennen im Ofen dann noch verstärkte. Doch anstatt neu anzufangen, nutzte Christine Ruff dieses zufällige Moment, unterstützte die Deformation bewusst und kreierte so die Serie „Schwammerl“. Zur Kollektion der Wuppertaler Künstlerin, die mit ihrem klaren und eleganten Stil den Zeitgeist trifft, gehören unter anderem Bauchvasen, Wackelschalen, Kelchschalen und Flaschen- oder Kugelvasen, aber auch Wandteller. Bemerkenswert sind die Paarvasen, die sich in ihrer Form ergänzen: Der Bauch der ersten Vase wird von einer entsprechenden konkaven Linie der zweiten aufgenommen. So schmiegen sich beide Objekte wunderbar aneinander. Ihr Portfolio spiegelt auch die Entwicklung in ihrem Schaffen wider. Anfangs waren alle ihre Kreationen rein weiß, heute meist ein- oder zweifarbig in Pastelltönen gehalten, Muster sind in ihren Arbeiten aber ebenso zu finden. „Ich liebe es, mit den einfachsten Mitteln das bestmögliche Ergebnis zu erzielen“, erklärt sie – und so kann beim Bemalen einer Schale auch mal ein Spitzendeckchen oder ein Baumwolltuch behilflich sein.
Autor: Julian Krings
Fotos: Anja Eder

Hofaue 53
42103
http://www.ruffceramic.de/

Utopiastadt

Utopia ist nahe Veränderung beginnt im Kleinen – das wirkt wie eine Binsenweisheit, ist aber keine. Denn mal ehrlich: Wie oft flüchten wir uns in die Ausrede, als Einzelperson sowieso nichts bewirken zu können? Genau hier möchte die Utopiastadt in Wuppertal ansetzen. „
Wir haben unserem Quartier einen Namen und eine Karte gegeben“, sagt Christian Hampe, der gemeinsam mit Beate Blaschczok die Utopiastadt gegründet hat. Das ist ganz konkret zu verstehen: Das Quartier, das die Utopiastadt im alten Bahnhof Mirke umgibt, galt bislang einfach als Teil der Wuppertaler Nordstadt und ist nun, dank der Arbeit der Utopiastädter, als Mirker Quartier bekannt. Dazu entwarfen die beiden Kommunikationsdesigner eine Karte, die Cafés, Kneipen, Geschäfte und Initiativen der Umgebung zeigt. So entsteht ein Rahmen für Identifikation und Verortung, und nur so ist es auch möglich, Verantwortung für das Quartier zu übernehmen. Das Bild des Rahmens darf dabei nicht missverstanden werden – er grenzt nicht ab, sondern ist durchlässig. Alle sind eingeladen, mitzumachen. Zum Namen und der Karte kommt ein Wertekompass, der in der Utopiastadt erarbeitet und gelebt wird. 150 ehrenamtlich Engagierte helfen beispielsweise Kindern dabei zu lernen, wie sie eigenes Gemüse anpflanzen, reparieren gemeinsam mit Geflüchteten gespendete Fahrräder oder initialisieren Projekte für Mobilität und Kultur. Die Utopiastadt bietet Infrastruktur, Raum und Netzwerk, um gesellschaftliche Fragestellungen zu bearbeiten: eine „weiße Seite“, auf der alle
gemeinsam schöpferisch tätig werden können. „Wir möchten für die kleinen Dinge sensibilisieren“, erklärt Beate Blaschczok, „zum Beispiel dafür, nicht einfach Essen wegzuschmeißen, nur weil es zwei Tage über dem Mindesthaltbarkeitsdatum ist“. Menschen sollen von ihrer Selbstwirksamkeit überzeugt werden. So kann eine kritische Masse entstehen, die den Transformationsprozess der Welt begleitet, um das Utopia von einer gerechteren, saubereren und kreativeren Gesellschaft doch wahr werden zu lassen. Zumindest ein wenig.
Autor: Julian Krings
Fotos: Sven Pacher und Wolf Sondermann

Mirker Str. 48
42105
http://www.utopiastadt.eu/