Oberhausen

Natürlich muss die Frage erlaubt sein, was von einer Stadt zu halten ist, deren Mittelpunkt in der Außenwahrnehmung eine Shoppingmall bildet, welche überdies auch noch nahe der Peripherie errichtet wurde, während „die Innenstadt ist keine Innenstadt mehr, sondern Randlage“ ist, um einen geplagten City-Manager der Kommune zu zitieren. Ob das aus dem Boden der „Wiege der Ruhrindustrie“ (1758 wurde hier das erste Hüttenwerk der Region in Betrieb genommen) gestampfte Einkaufszentrum Fluch oder Segen bedeutet, ist noch nicht entschieden. Fakt ist, Oberhausen ist vom Strukturwandel betroffen wie jede andere Stadt im Revier und jede sucht ihren Weg aus der Krise. Immerhin zieht Oberhausen heute etwa ein Zehntel seiner gesamten Bruttowertschöpfung aus dem Fremdenverkehr – da addieren sich die Zahlen von Centro und Gasometer, Marina und Arena. Dennoch ist die Pro-Kopf-Verschuldung der Oberhausener auch im Vergleich mit anderen Ruhrgebietsstädten hoch. Wer Kontraste sucht, der wird hier fündig.
Wolfgang Kienast

Marcus Schütte

Marcus Schütte ist gebürtiger Oberhausener und mit anspruchsvollen Bewegtbildinhalten aufgewachsen. Einer seiner Onkel war jahrelang Filmvorführer der Kurzfilmtage und zeigte zu verschiedenen Familien-Anlässen den jüngsten Verwandten mit Vorliebe Beiträge aus ...

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Kit.ev

Ende des 19. Jahrhunderts war der Oberhausener Hauptbahnhof wichtigster Bahnknotenpunkt des Ruhrgebiets. Seitdem ist viel Zeit ins Land gegangen, Teile des Bahnhofs wurden stillgelegt und in den ehemaligen Wasserturm zog „Kultur im Turm e. V.“, kurz kitev ein.

Am Anfang stand ein Auftrag. 2006 wurden die Berliner Ateliers Stark ausgewählt, den „Museumsbahnsteig“ mit seinen ausrangierten Fahrzeugen der Schwerindustrie im Hauptbahnhof Oberhausen zu gestalten. Das Ergebnis waren eine Lichtinstallation und gigantische Figuren, mit der Kettensäge aus Holzstämmen geschnitten.
Doch nach getaner Arbeit kehrten die Berliner Oberhausen nicht den Rücken. „Hier gibt es so spannende Orte und gleichzeitig viele Aufgaben zu bewältigen“, erklärt Christoph Stark. „Der Strukturwandel ist im Ruhrgebiet noch nicht abgeschlossen. Die Industriekathedralen haben eine neue Nutzung bekommen, aber wir brauchen einen zweiten Strukturwandel, einen, der auch die Menschen mitnimmt.“

Der Bahnhof Oberhausen ist einer dieser spannenden Orte. Das heutige Ensemble entstand in den 30er Jahren im Stil der Neuen Sachlichkeit: aus Backstein, schlicht, schnörkellos. Sein Wahrzeichen: der Wasserturm, mit dem einst die Dampflokomotiven versorgt wurden. Heute ist der Turm das Markenzeichen von kitev, das die Ateliers Stark gleich im Anschluss an ihre Arbeit mit dem „Museumsbahnsteig" gründeten. Partner war damals das Projekt-Team Tank-FX. Die hatten nämlich bereits den Hall der leeren Wasserbehälter im Turm über ein Internetprogramm Musikern zugänglich gemacht.
Das Tank-FX-Projekt existiert nicht mehr und auch darüber hinaus hat sich einiges verändert: Zwei Jahre lang wurde das Innere des Turms umgebaut, damit neue Räumlichkeiten für künstlerische Arbeiten oder nationale und internationale Zusammenkünfte Kreativer geschaffen werden konnten. Die kitev-Mitglieder legten dafür auch selbst Hand an, bis 2013 das Bauwerk endlich bereit war. Wofür bereit?
Auf der Homepage heißt es: „Der Turm ist Keimzelle und Austragungsort für Aktionen von hoher künstlerischer Qualität sowie Anlaufstelle für projektbedingte Aufenthalte in der Region. Das Experimentierfeld mit industriellem Charakter lässt immer wieder variable Interpretationsmöglichkeiten zu.“
Was das heißt? Wagen wir eine Annäherung.

Stark ist schwer zu erreichen. Denn genau wie seine Mitstreiter ist er zur Zeit der Entstehung dieses Artikels ganztägig in das „Forum Regionum“ eingebunden, in dem internationale Künstler zum Projekt „Oberhaus“ in der Oberhausener Innenstadt Ideen entwickeln und umsetzen sollen. Typisch kitev. Ein weiteres Projekt hieß „New ideas for old buildings“ und untersuchte Möglichkeiten der Neunutzung leerstehender Wohn- und Einzelhandelsimmobilien. Und „Refugees for co-creative Cities“ beschäftigte sich angesichts der hochaktuellen Flüchtlingsproblematik mit Migration und Interkultur.

Solche Projekte machen kitev aus. Projekte, die Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Bereichen zusammenbringen. Projekte, aus denen Kunst entsteht, die Kultur neu formen, die Wohn- und Arbeitsräume schaffen. Die Verbindungen knüpfen. Knotenpunkte. Vielleicht sollte man nicht versuchen, kitev auf eine griffige Formel zu bringen, sondern es einfach als Experimentierfeld begreifen. Und den Bahnhof Oberhausen besuchen. Gerne mit dem Zug. Züge halten dort nämlich noch immer. Gebaut wird auch wieder. Nun greift kitev auf das Erdgeschoss über. Der Strukturwandel ist im vollen Gange.
Text: Anja Kiel
Fotos: Robin Preston, Christoph Stark, Annette Yonak, Vladimir Wegner

Willy-Brandt-Platz 1
46045
http://www.kitev.de

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Gasometer Oberhausen

Eine der besten Aussichten über das Ruhrgebiet bieten die Plattformen auf dem Dach des Gasometers Oberhausen. Wer auf seinen 117 Metern Höhe weilt, bewegt sich zwischen den Zeiten, blickt genauso auf rauchende Schlote und das letzte aktive Steinkohle-Bergwerk des Reviers wie auf dessen neue Qualitäten: Weites Grün in Parks und Halden, das moderne Einkaufszentrum CentrO, eine Skihalle, Ausflugsschiffe auf dem Rhein-Herne-Kanal. Mindestens ebenso eindrucksvoll ist das Innere des Gasometers, der bis 1988 Europas größter Scheibengasbehälter war, ein gigantischer Gasspeicher für die umliegenden Hüttenwerke. 1994 wurde er zu Europas höchster Ausstellungshalle zweckentfremdet. Zweimal haben hier bereits Christo und Jeanne-Claude Werkschauen gezeigt. Bis 30. November 2017 findet sich im Gasometer die ganze Welt: Die Ausstellung „Wunder der Natur“ zeigt nicht nur spektakuläre Bilder vom Leben auf unserem Planeten, sondern auch den Planeten selbst. Eine Kugel hängt von der Decke, füllt fast die gesamte Breite aus und wird mit einem aufwändigen Projektionsverfahren so bespielt, dass sie wie eine drehende Erde mit Tag- und Nachtwechseln und Wetterereignissen wirkt. Die sowieso schon aufregende Fahrt mit dem gläsernen Fahrstuhl zur Aufsichtsplattform auf dem Dach wird so zum unvergesslichen Ereignis: Der Besucher fliegt an der Erdkugel vorbei in die Höhe und sieht ein Bild, wie es sich sonst nur Astronauten bietet.
Text: Max Florian Kühlem
Innenaufnahmen: Thomas Wolf
Aussenaufnahmen: Thomas Machoczek

Arenastraße 11
46047
http://www.gasometer.de