Sabine Voggenreiter - Köln
Eine Stadt im Zeichen des Interiors
„Ich mag es, wenn kreative Nachbarschaften entstehen..."
Köln ist eine Möbelstadt, und daran ist Sabine Voggenreiter nicht ganz unschuldig. 1989 lud sie Kölner Designer, Möbelhäuser, Designgalerien und Hochschulen ein und brachte sie mit internationalen Herstellern und Designern zusammen. Allerdings nicht an Konferenztischen oder Messeständen, sondern zum Beispiel im Rheinauhafen oder unter der Deutzer Brücke. In einer Zeit, als Design populärer wurde, baute Sabine Voggenreiter Verbindungen auf. Zwischen Design und anderen Genres und zum Alltag. So machte sie aus den „Passagen“ die größte Designveranstaltung Deutschlands und die Stadt Köln zur Bühne. Noch immer platziert Voggenreiter aktuelles Design nicht nur in Showrooms, sie lässt ihre Gäste auch mal in einem Kulturinstitut entdecken, was ein Kölner Florist mit italienischen Designvasen anstellt. Unterwegs zündet bei Sabine Voggenreiter noch eine Idee: Stadtentwicklung lässt sich auch von unten betreiben. „Ich mag es, wenn kreative Nachbarschaften entstehen, so wie im Belgischen Viertel und in Ehrenfeld“, sagt sie. Längst gehören auch Workshops zu ihrer Arbeit, und derzeit schaut sie dabei etwa auf die Zusammenarbeit von Design und Handwerk am Ort – nicht nur in Köln.
Besteckhaus Glaub
Aber war am Anfang nicht der Löffel? Fragen weit über diese hinaus wurden bis 1995 im Besteckmuseum Glaub geklärt. Mittlerweile übernimmt das gleichnamige Besteckhaus diese Aufgabe aus einem schon selbst historischen 50er Jahre Eckgeschäft heraus. Die Inneneinrichtung übernahm damals der Architekt des berühmten „4711“-Hauses, Wilhelm Koep. Halb Europa – ob Filmteam oder Gastronomielehrling – verlässt sich auf die Expertise der Betreiber und bestaunt hier über 500 Besteckmuster aus den Jahrhunderten. Teils Fachhandel, teils Ausstellungsort, teils Gutachter- und Reparaturservice findet sich dieses Kleinod an Esskultur und ungebrochener Tradition ganz in der Nähe des Doms und bietet eine echte Zeitreise abseits der Konsummeilen.
Autor: Jens Kobler
Komödienstr. 107-113 50667 Köln http://www.besteckhaus-glaub.com
Boffi
Art Director Piero Lissoni aus Mailand hat dem norditalienischen Hersteller hier zwei exquisite Geschosse gestaltet, die als Showrooms dienen aber auch mit regelmäßigen Neuinszenierungen aufwarten. Sind die Räumlichkeiten an sich schon ein Genuss in punkto Interieur Design kann die vollständige Produktlinie von Küche und Bad bis Storage und Accessoires erst recht begeistern. Wer nicht gerade das Kleingeld zur Hand hat, sich einen Wohntraum – oder eine funktionale Designlösung – zu leisten, findet bei gelegentlichen Veranstaltungsformaten die Gelegenheit, einen niedrigschwelligen Besuch abzustatten: Ausstellungen, Whisky-Tastings, Trüffel-Seminare und Workshops finden in den Spichern Höfen mehrmals im Jahr statt. Und zu den Passagen und imm cologne ist immer mit einem hochkarätigen Special zu rechnen.
Autor: Jens Kobler
Spichernstr. 8 50672 Köln http://www.boffi-koeln.com
Daikan
Die Izakaya Bar ist die kulinarische japanische Botschaft im belgischen Teil der Domstadt. Entsprechend stehen hier Essen und Getränke gleichberechtigt nebeneinander und ergänzen sich im Optimalfall perfekt. Dies wiederum steht eben nicht in Widerspruch zu einer gewissen minimalistischen Einfachheit des Hauses, die aber völlig jenseitig von einem Sushi-Imbiss oder ähnlichem operiert. Reduktion inklusive Vollholz, Keramik und modernem Wabi-Sabi also. Als sei es zur zur klaren Abgrenzung gibt es übrigens gar kein Sushi, sondern Suppen, Holzkohlegegrilltes, Nudeln, Tapas. Fusion. Manche nennen das „Snacks“, aber dafür ist die Qualität bei weitem zu gut. Ein wenig ist sich schon einzulassen, am besten mit Zeit und mittelvoll gefülltem Geldbeutel sowie natürlich gepflegtem Bier, Wein und/oder Sake. Dann kommt der Charme aus Fernost am besten zur Geltung.
Autor: Jens Kobler
Maastrichter Str. 9 50672 Köln http://www.daikan.de
Design Post
Der Messestandort Deutz hat im Umfeld einiges zu bieten, so auch die Denkmal geschützte Dreigelenkbogenhalle des Postamtes. Vor gut 100 Jahren erbaut, wurde die einstmals 8-schiffige Halle im Jahr 2005 nach Plänen von 0 III architecten aus Amsterdam saniert und umgebaut. Seit dem Folgejahr gastiert hier die Design Post in herausragendem Ambiente, mit viel natürlichem Licht und Raum für Showrooms, aber ebenso für Seminare, Partys und andere unregelmäßige Veranstaltungen. Internationale Einrichtungsmarken mit den Schwerpunkten Möbel, Leuchten und Textilien finden großzügig Platz, es darf aber nicht mit einem Verkauf oder auch nur ausgewiesenen Einzelpreisen gerechnet werden. Im Vordergrund steht die Beratung, ob für Fachleute oder Endverbraucher, sowie das Flanieren, Stöbern und Inspirieren lassen.
Autor: Petra Engelke
Foto:Constantin Meyer Photography
Deutz-Mülheimer-Str. 22a 50679 Köln http://www.designpostkoeln.de
Hallmackenreuther
Im Belgischen Viertel ein Klassiker. Geschäftige Atmosphäre (auch mit Laptops) trifft Lifestyle, Esskultur und Szenetypen. Kühler Retro Chic auf zwei Geschossen im Innern, das Sehen und Gesehen werden draußen ggf. unter Sonnenschirmen, aber oft auch einfach für die Zigarette zwischendurch. Ein eher lässiger Charme trotz stil- und stimmungsvollem Design breitet sich um das bequeme Mobiliar aus, zum Kaffee wie bis in die Nacht. Die Speisekarte bildet nicht das Zentrum, überzeugt aber mit einer gelungenen Mischung für jeden Appetit. Ein Place To Be, wie er im Buche steht und der sich entsprechend herumgesprochen hat. Deshalb ist hier vom Frühstück bis zu den Partys am Wochenende und von der Bar über die Lounge bis zum (mietbaren) Club im Keller die Stadt pulsierend ganz bei sich.
Autor: Jens Kobler
Brüsseler Platz 9 50674 Köln http://www. hallmackenreuther.de
Kebabland
Durch den Magen geht die interkulturelle Zuneigung auch in Ehrenfeld. Kreativvolk bis hin zum Rapper oder Comedian scharen sich hier nebst der 40h-Woche-Nachbarschaft um den Holzkohlengrill und genießen die wohl wohlschmeckendsten türkischen Spezialitäten, die ein Imbiss in Köln zu bieten hat. Unweit des Bahnhofs und mit Blick durch Vollglasfronten (u.a. auf die Polizeiwache) geht es in dieser Institution nicht nur an den urigen Holztischen speziell mittags schwer belebt zu. Geschwindigkeit und Freundlichkeit des Personals wie Qualität des Essens tut dies jedoch nicht den geringsten Abbruch. Freundliche Farben und pittoreske Pflanzen rahmen rustikalen Großstadtgenuss, aber draußen sitzen geht auch. Am besten mit einem Adana Sandwich, beliebt sind aber ebenso Soßen und Sucuk. Ein Laden, bei dem klar die inneren Werte zählen.
Autor: Jens Kobler
Fotos: Bozica Babic
Venloer Str. 385 50823 Köln
Pesch
Size matters. Gut für Pesch. Aber auch Geschichte und Qualität sprechen nach wie vor für den Riesen am Ring. Der 2013 am Bodensee verstorbene Inhaber Dieter Pesch hatte zu Adenauers Zeiten klein angefangen, wurde über die Jahrzehnte zu einem Giganten Marke „Möbel aus Deutschland“ und engagierte sich immer stark für Kultur und Handel in Köln, besonders für junge Designer und gewagte Ideen. An einem seiner Tische besiegelten Kohl und Gorbatschow die Wiedervereinigung, aber auch in die Breite und Tiefe der möblierten Gesellschaft wirkt das Qualitätssiegel Pesch nach wie vor auf einzigartige Weise. Wohnwelten, Designgeschichte – unterhalb solcher Vokabeln ist diesem Phänomen kaum beizukommen. Entsprechend wäre die Zentrale andernorts ein kleiner Stadtteil für sich. In Köln ist sie quasi natürlich ins Gigantische gewachsen.
Autor: Jens Kobler
Kaiser-Wilhelm-Ring 22 50672 Köln http://www.pesch.com
Ultramarin
Das Industriedenkmal Altes Gaswerk darf sich seit einigen Jahren über immer mehr Designpreise freuen, speziell dank des Showrooms von Ultramarin. Auf 600qm dreht sich alles um Bad und Private Spa; ein 160qm großer Collagenraum (Loft 1) mit Bemusterungsservice sowie die Eventlocation Loft 2 vervollständigen das Angebot. Vielseitige Nutzung hält speziell letztere Räumlichkeit auf zwei Ebenen lebendig: Produktpräsentationen, Seminare, Shootings, Konzerte und Kleinevents können hier auf dem Programm stehen, eine nutzfertige Küche steht ebenfalls bereit. Das Eigentliche sind aber natürlich die hohen Hallen voller Badekultur für die eigenen vier Wände. Nicht zuletzt eben auch der Charakter dieses Ortes als Mischung aus Denkmal und Design, wie man sie nur selten so stimmig und spezifisch vorfindet. Eine Location zum drin baden.
Autor: Jens Kobler
Widdersdorfer Str. 190 50825 Köln http://www.ultramarin.de
Utensil
Von außen an der Sonnenmarkise und der schwarz gekachelten Fassade zu erkennen, von innen an den weißen Wandfliesen und der Glasdecke: Das ist „utensil“ in Köln-Ehrenfeld. 2009 eröffnete Anna Lederer ihren Laden mit Designgegenständen in den Räumen einer ehemaligen Metzgerei. In der aufgeräumten, beinahe spröde wirkenden, Einrichtung findet man Industriedesign aus dem Arbeitsalltag verschiedener Kulturen für den Privatgebrauch. Ins Sortiment gehören neben Friesennerzen und Erlenmeyerkolben auch Saunatücher aus dem Hamam, ein thailändischer Essenträger, der an Omas Henkelmann erinnert, oder die orangefarbenen Mülleimer, die an Straßenlaternen hängen. Wer sich die Zeit nimmt genauer hinzuschauen, entdeckt außerdem eine Vielzahl handlicher Klassiker für Küche und Büro.
Die Auswahl, die humorvoll und romantisch-erinnernd zugleich ist, wird seit vier Jahren um die eigene Linie „Utensil Produkt“ ergänzt. Mehrere Textil- und Produktdesigner entwerfen und fertigen für das kleine Warenhaus Gegenstände und Accessoires, die ebenfalls dem Kontext von öffentlicher Nutzung und Arbeitswelt entlehnt sind.
Zu dem gut laufenden Geschäft in der Körnerstraße 21 gehört noch ein Onlineshop. Hier zu finden, sind alle Angebote und weiterführende Infos: www.utensil-shop.de
Autor: Judith Pielsticker
Körnerstraße 21 50823 Köln http://www.utensil-shop.de
Zum scheuen Reh
Bei manchen nur einmal im Jahr - zur c/o pop - im Visier, ist diese Bar nahe Bahnhof West im Grunde eine kleine Sensation für jeden Tag. Partyszene auch jenseits des Wochenendes, Fußball schauen, Lesungen, Konzerte, Ausstellungen, Kurzfilme und kleine Festivals erleben, geht hier permanent. Dennoch ist und bleibt „Bar“ das Wort, schon aufgrund des Ambientes, des Publikums und der gut und gerne bezahlbaren Cocktails. Im Bahnhofsgewölbe am Stadtgarten haben Weine und Whiskysorten aber ebenso Beachtung verdient sowie die Tatsache, dass das Haus auch als Spätnachmittagscafé funktioniert. Sehr kiezig und pfiffig: Passanten werden außerdem werktags von früh morgens bis zum Mittag mit Coffee To Go versorgt. Ein bisschen „gute Stube“ und Kleinkunst hängt hier immer in der Luft, der Name ist also nicht aus selbiger gegriffen, trotz all dieser Aktivitäten.
Autor: Jens Kobler
Hans-Böckler-Platz 2 50672 Köln http://www.zum-scheuen-reh.de